Michael Gehler, Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958. Streiter für die Einheit Tirols (Schlern-Schriften 333/1 und 333/2), Innsbruck 2007 (Teil 1: Biografie, Teil 2: Dokumentenedition).

Das von Michael Gehler vorgelegte, zweibändige Werk über Eduard Reut-Nicolussi «Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958. Streiter für die Einheit Tirols» stellt eine umfassende und lange erwartete Studie zu einer der prägenden Persönlichkeiten der Südtirolpolitik des 20. Jahrhunderts dar. Angesichts der bisherigen Forschungslage, in der Reut-Nicolussi trotz seiner Bedeutung vergleichsweise wenig monografische Beachtung fand, ist das Werk als wichtiger Beitrag zur historischen Aufarbeitung zu würdigen.

Schon in der Struktur zeigt sich die Ambition Gehlers, eine breit angelegte und quellengestützte Darstellung vorzulegen. Die Verbindung von biografischer Untersuchung mit einer umfangreichen und ansehnlichen Edition von Dokumenten eröffnet neue Sichtweisen und ermöglicht dem Leser einen tiefen Einblick in das Denken und Handeln des Protagonisten. Zu unterstreichen ist dabei die detailreiche und anschauliche Darstellung der unterschiedlichen Lebensstationen Reut-Nicolussis, die dessen politisches Wirken in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang einbettet.

Die Studie überzeugt speziell dort, wo es Gehler gelingt, die Vielschichtigkeit und Gegensätzlichkeit der Persönlichkeit differenziert herauszuarbeiten. Anstatt ein eindimensionales Bild zu zeichnen, wird Reut-Nicolussi, der ein prominenter Gegner des italienischen Faschismus in den 1920er-Jahren war und sich aktiv in der Südtirolfrage bis nach dem Zweiten Weltkrieg einbrachte, als Akteur dargestellt, der in einem komplizierten politischen Umfeld agierte und dessen Ansichten im Spannungsfeld seiner Zeit zu begreifen sind. Gerade diese Ehrlichkeit im Umgang mit ambivalenten Aspekten verleiht der Arbeit eine besondere Tiefe und Note.

Ein weiteres Verdienst der Publikation liegt in der breiten Erschließung von Quellenmaterial, hauptsächlich aus dem Nachlass. Dadurch wird nicht nur neues Material zugänglich gemacht, sondern auch eine solide Grundlage für weiterführende Forschungen geschaffen. In einzelnen Abschnitten – beispielsweise zur Nachkriegszeit – gelingt es dem akribisch und detailgetreu arbeitenden Autor besonders überzeugend, eine biografische Darstellung und ein kontextuelles Wissen zu einem stimmigen Gesamtbild zu verbinden.

Alles in allem legt Gehler eine sehr gehaltvolle und anregende Studie vor, die einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Südtiroler Zeitgeschichte von der Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Zeit nach dem Gruber-De Gasperi-Abkommen leistet. Das Werk, das sich perfekt in die berühmte Reihe der Schlern-Schriften integriert, bietet sowohl der Fachwissenschaft als auch historisch interessierten Lesern wertvolle und wesentliche Einblicke und wird in der zukünftigen Beschäftigung mit Eduard Reut-Nicolussi gewiss eine zentrale Rolle spielen. Ferner kann die Arbeit als bedeutsame Aufarbeitung des politischen Wirkens einer Schlüsselfigur der (Süd-)Tiroler Geschichte im letzten Jahrhundert angesehen werden.

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

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