Martin P. Schennach, Das Tiroler Landlibell von 1511. Zur Geschichte einer Urkunde (Schlern-Schriften, Bd. 356), Innsbruck 2011.

Martin P. Schennachs Monografie «Das Tiroler Landlibell von 1511. Zur Geschichte einer Urkunde» widmet sich einer der bedeutsamsten verfassungs- und rechtsgeschichtlichen Quellen Tirols. Ziel der Untersuchung ist es, das Landlibell keineswegs isoliert als historisches Dokument zu betrachten, sondern seine Entstehung, seinen normativen Gehalt sowie seine politische und rechtshistorische Wirkung bis in die Neuzeit nachzuzeichnen.

Bereits in den einleitenden Abschnitten ordnet Schennach das Landlibell in den militärischen und verfassungsrechtlichen Kontext des Spätmittelalters ein. Er untersucht die Entwicklung der landesfürstlichen Aufgebotsrechte, die Organisation der Zuzugsordnungen sowie die rechtlichen und praktischen Grenzen der Wehrpflicht. Besonders überzeugend ist auf diese Weise die Einbettung Tirols in einen vergleichenden Rahmen, indem auch die Verhältnisse in den österreichischen Erblanden, Bayern, Salzburg, der Eidgenossenschaft und Venedig berücksichtigt werden. Dadurch wird deutlich, dass das Tiroler Landlibell zwar besondere Ausprägungen besitzt, zugleich aber Teil einer breiteren Entwicklung spätmittelalterlicher Landesverteidigung ist.

Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet die Analyse der Entstehung des Landlibells. Schennach zeigt eindrucksvoll, dass die Urkunde weder ausschließlich Ergebnis landständischer Forderungen noch allein Ausdruck kaiserlicher Politik war. Vielmehr entstand sie aus einem komplexen Aushandlungsprozess zwischen Kaiser Maximilian I., den Tiroler Landständen sowie den Hochstiften Trient und Brixen. Die Untersuchung macht nachvollziehbar, wie unterschiedliche politische Interessen in der endgültigen Fassung der Urkunde ihren Niederschlag fanden.

Die detaillierte Interpretation des Inhalts gehört zu den größten Stärken des hier zu rezensierenden Bandes. Der renommierte Tiroler Rechtshistoriker analysiert zentrale Konfliktfelder wie die Wehrpflicht der im Bergbau Beschäftigten, die Versorgung und Besoldung der Aufgebote, die Verteilung militärischer Lasten innerhalb der Landstände sowie die Frage nach der Zustimmung der Landstände zu militärischen Unternehmungen. Dabei gelingt es ihm, die einzelnen Bestimmungen stets vor dem Hintergrund zeitgenössischer politischer und rechtlicher Auseinandersetzungen zu erklären.

Besonders hervorzuheben ist außerdem die umfassende Untersuchung der Rezeptionsgeschichte. Der Autor verfolgt, wie sich die Bedeutung des Landlibells vom frühen 16. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert wandelte. Er zeigt überzeugend, dass die Urkunde im Laufe der Zeit zunehmend als Sinnbild der Tiroler Landesfreiheiten interpretiert wurde und schließlich beinahe den Rang einer „lex fundamentalis“ erhielt, obwohl ihre ursprüngliche rechtliche Funktion differenzierter zu bewerten ist. Damit leistet Schennach zugleich einen wichtigen Beitrag zur Geschichte politischer Erinnerung und historischer Mythenbildung.

Abgerundet wird die sehr gute Studie durch eine Edition des Landlibells, ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Orts- und Personenregister. Diese editorischen Bestandteile erhöhen den wissenschaftlichen Nutzen erheblich und machen den Band auch als Nachschlagewerk wertvoll.

Die Darstellung ist insgesamt klar gegliedert, methodisch fundiert und durch eine sorgfältige Auswertung der Quellen geprägt. Der hohe Grad an Detailreichtum setzt allerdings Vorkenntnisse in der Rechts- und Landesgeschichte voraus, sodass sich das Werk in erster Linie an Historiker sowie an Forschende der Rechtsgeschichte richtet. Für ein allgemeines Publikum könnten einzelne Abschnitte aufgrund ihrer juristischen Argumentation und terminologischen Dichte anspruchsvoll sein.

Insgesamt legt der Autor eine maßgebliche Untersuchung zum Tiroler Landlibell vor. Die Verbindung von Quellenkritik, Verfassungs-, Militär- und Rezeptionsgeschichte macht das Werk zu einem wichtigen Standardbeitrag für die Erforschung der Tiroler Landesgeschichte und der frühneuzeitlichen Verfassungsentwicklung. Die Monographie überzeugt sowohl durch ihre wissenschaftliche Gründlichkeit als auch durch ihre differenzierte Neubewertung eines zentralen Dokuments der Tiroler Geschichte.

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

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