Julia Hörmann-Thurn und Taxis (Hrsg.), Margarete „Maultasch“. Zur Lebenswelt einer Landesfürstin und anderer Tiroler Frauen des Mittelalters; Vorträge der wissenschaftlichen Tagung im Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol, Schloss Tirol, 3. bis 4. November 2006 (Schlern-Schriften, Bd. 339), Innsbruck 2007.

Der von Julia Hörmann-Thurn und Taxis im Auftrag des Landesmuseums Schloss Tirol herausgegebene Sammelband «Margarete ‘Maultasch’. Zur Lebenswelt einer Landesfürstin und anderer Tiroler Frauen des Mittelalters» verfolgt einen anspruchsvollen wie längst überfälligen wissenschaftlichen Ansatz: Er löst Margarete von Tirol aus den Fesseln jahrhundertelanger Legendenbildung und eröffnet zugleich einen differenzierten Blick auf die Lebenswirklichkeit von Frauen im spätmittelalterlichen Tirol. Die Beiträge vereinen politische Geschichte, Geschlechtergeschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Kulturgeschichte zu einem facettenreichen Panorama weiblicher Handlungsspielräume in einer von männlichen Herrschaftsvorstellungen geprägten Welt.

Im Zentrum des Bandes steht Margarete von Tirol (1318–1369), deren Beiname „Maultasch“ bis heute stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist als ihre tatsächliche politische Bedeutung. Bereits die ersten Beiträge machen deutlich, wie tief sich historische Urteile mit moralischen Zuschreibungen vermischt haben. Die Herausgeberin Julia Hörmann-Thurn und Taxis selbst rekonstruiert anhand der Quellen den Alltag der Landesfürstin und ihrer Familie und zeichnet in ihrem Beitrag das Bild einer Herrscherin, deren Leben weit weniger außergewöhnlich war, als es spätere Legenden vermuten lassen. Die Landesfürstin erscheint nicht als rätselhafte Ausnahmefigur, sondern als Frau, die sich innerhalb komplexer dynastischer, familiärer und politischer Verpflichtungen behaupten musste.

Jürgen Miethke lenkt den Blick auf die Konstruktion der historischen Persönlichkeit Margaretes. Seine Analyse zeigt eindrucksvoll, dass Macht im Mittelalter niemals allein aus institutionellen Rechten erwuchs, sondern stets auch von persönlicher Wahrnehmung, öffentlicher Kommunikation und politischer Legitimation abhängig war. Gerade bei einer Frau wurde diese Legitimation wesentlich schärfer hinterfragt als bei männlichen Herrschern. Die Person Margaretes wurde dadurch selbst zum politischen Schauplatz.

Ellen Widders Untersuchung der Handlungsspielräume von Frauen in dynastischen Krisensituationen gehört zu den besonders eindrucksvollen Beiträgen des Bandes. Sie macht deutlich, dass weibliche Herrschaft keineswegs eine historische Ausnahme war, sondern sich stets innerhalb enger gesellschaftlicher Grenzen bewegte. Frauen konnten politische Verantwortung übernehmen, mussten diese Legitimation jedoch ständig neu verteidigen. Gerade hierin zeigt sich die Fragilität weiblicher Macht im Mittelalter: Sie war möglich, blieb jedoch dauerhaft erklärungs- und rechtfertigungsbedürftig.

Besonders bewegend sind jene Beiträge, die sich mit der jahrhundertelangen Verzeichnung Margaretes beschäftigen. Magdalena Hörmann-Weingartner untersucht ihre Bildnisse und zeigt, wie eng sich künstlerische Darstellung und politische Wertung miteinander verbanden. Noch eindringlicher führt Wilhelm Baum vor Augen, wie sich das Bild der „Maultasch“ über Jahrhunderte von historischen Tatsachen löste und zu einer Projektionsfläche moralischer Urteile wurde. Aus der historischen Fürstin entstand eine Symbolfigur weiblicher Grenzüberschreitung, deren vermeintliche Hässlichkeit und Charakterlosigkeit weniger über Margarete selbst als über die Vorstellungen ihrer jeweiligen Zeit aussagen.

Siegfried de Rachewiltz verfolgt diesen Prozess bis in die Gegenwart und beschreibt, wie sich aus politischer Schmähpropaganda volkstümliche Sagen und schließlich touristische Vermarktung entwickelten. Oliver Haid führt diese Überlegungen weiter und analysiert das Fortleben männlicher Vorstellungen weiblicher Herrschaft als etwas „Monströses“. Seine kulturwissenschaftliche Perspektive macht deutlich, dass die Geschichte Margaretes bis heute grundlegende Fragen nach Geschlecht, Macht und gesellschaftlicher Erinnerung aufwirft.

Der zweite Teil des Sammelbandes erweitert den Blick bewusst über die Landesfürstin hinaus. Hier wird die Geschichte mittelalterlicher Frauen nicht länger auf außergewöhnliche Einzelpersönlichkeiten reduziert. Giuseppe Albertoni untersucht frühmittelalterliche Frauenbilder zwischen religiöser Symbolik und gesellschaftlicher Realität. Der unvergessene Klaus Brandstätter widmet sich den Tiroler Landesfürstinnen des 15. Jahrhunderts und zeigt die Kontinuitäten weiblicher Herrschaftsausübung.

Besonders eindrucksvoll gelingt es Cordula Nolte, Burgen nicht lediglich als militärische oder repräsentative Bauwerke zu betrachten, sondern als alltägliche Lebensräume von Frauen. Wohnen, Arbeiten, Erziehen und Repräsentieren erscheinen als eng miteinander verflochtene Bestandteile weiblicher Lebenswelten. Ute Monika Schwob erweitert diesen Blick auf die Bildungs- und Handlungsmöglichkeiten adeliger Frauen und zeigt, dass weibliche Lebenswege weit vielfältiger waren, als traditionelle Geschichtsbilder lange vermuten ließen.

Von besonderem sozialgeschichtlichem Gewicht sind die Beiträge Erika Kustatschers über Frauen in der Stadt sowie Klaus Brandstätters Untersuchung schwer arbeitender Bauarbeiterinnen in Hall in Tirol. Gerade diese Studien verleihen dem Band eine bemerkenswerte Tiefe. Sie erinnern daran, dass mittelalterliche Frauen keineswegs ausschließlich im häuslichen Bereich wirkten, sondern aktiv am wirtschaftlichen Leben teilnahmen und vielfach körperlich schwer arbeiteten. Diese Perspektive korrigiert romantisierende Vorstellungen des Mittelalters ebenso wie einseitige Konzentrationen auf höfische Eliten.

Abgerundet wird der Band durch literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge von Margarete Springeth und Ulrich Müller, die Frauenbilder in Erziehungsliteratur, Liedern und Musik untersuchen. Hier zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie kulturelle Vorstellungen weiblicher Tugend, Schönheit und Moral über Generationen tradiert und verfestigt wurden. Die besondere Stärke dieses Sammelbandes liegt in seiner Multiperspektivität. Die einzelnen Beiträge ergänzen sich, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Gemeinsam entsteht ein differenziertes Bild mittelalterlicher Frauen, das weder idealisiert noch pauschal unterdrückt erscheint. Stattdessen werden Frauen als handelnde Menschen sichtbar, deren Möglichkeiten durch soziale Herkunft, politische Konstellationen und kulturelle Erwartungen geprägt, aber niemals vollständig bestimmt wurden.

Besonders berührend ist die stille Rehabilitierung Margaretes von Tirol, die sich durch nahezu alle Beiträge zieht. Ohne apologetisch zu werden, gelingt es den Autorinnen und Autoren in vorbildlicher Weise, die jahrhundertelang tradierte Diffamierung kritisch offenzulegen. Margarete erscheint nicht länger als die sagenhafte „Maultasch“, sondern als historischer Mensch – als Tochter, Ehefrau, Mutter und Landesfürstin, deren außergewöhnliches Leben von politischen Konflikten ebenso geprägt war wie von persönlichen Belastungen. Gerade diese Rückgewinnung ihrer geschichtlichen Persönlichkeit macht den Band weit über die Tiroler Landesgeschichte hinaus bedeutsam. Er erinnert daran, wie leicht Geschichte Frauen ihre Stimme nimmt und wie notwendig eine quellenkritische Forschung ist, um diese Stimmen wieder hörbar zu machen.

Alles in allem stellt der ausgezeichnete Sammelband einen herausragenden Beitrag zur mittelalterlichen Frauen- und Geschlechtergeschichte dar. Er verbindet wissenschaftliche Präzision mit großer interpretatorischer Sensibilität und zeigt auf eindrucksvolle Weisel, dass die historische Forschung nicht nur Fakten rekonstruiert, sondern auch jahrhundertealte Vorurteile hinterfragen kann. Wer sich für Tirol, die mittelalterliche Herrschaft, Aspekte der Geschlechtergeschichte oder für die Konstruktion historischer Erinnerung Interesse bekundet, findet in diesem Werk eine ebenso fundierte wie bewegende Lektüre.

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

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