Helmut Golowitschs zweiter Band der Triologie «Südtirol – Opfer geheimer Parteipolitik. Wie sich die österreichische Politik ein unliebsames Problem vom Hals schaffte» präsentiert sich als ausführliche, stark dokumentarisch angelegte Darstellung der Südtirolpolitik im Spannungsfeld zwischen Österreich, Italien und internationalen Akteuren nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum steht die These, dass politische Entscheidungen in Wien weniger von offen verhandelter Diplomatie als von verdeckten Absprachen, parteipolitischen Interessen und internationalem Druck geprägt gewesen seien.
Golowitschs Buch ist äußerst breit angelegt und folgt einer klar chronologischen sowie thematischen Struktur. Beginnend mit den Nachkriegsverhandlungen und der Rolle der USA und des Vatikans entfaltet der Autor ein dichtes Netz aus politischen Akteuren, Geheimkontakten und diplomatischen Konflikten. Besonders stark ausgearbeitet sind die Kapitel zum Porzescharte-„Vorfall“, die sich zu einem zentralen Brennpunkt der Darstellung entwickelt. Hier werden Ermittlungsfehler, widersprüchliche Zeugenaussagen, gerichtliche Entscheidungen sowie politische Einflussnahmen detailliert beschrieben und kritisch kommentiert.
Ein wesentlicher Teil des Werkes widmet sich den Gerichtsverfahren gegen Südtiroler Aktivisten. Diese werden von Golowitsch als stark politisch beeinflusst und teilweise rechtsstaatlich problematisch dargestellt. Immer wieder wird der Vorwurf erhoben, dass Beweismittel selektiv behandelt oder nicht ausreichend berücksichtigt worden seien. Die Darstellung ist dabei stark von einer kritischen Grundhaltung gegenüber österreichischen und italienischen Behörden geprägt.
Neben der juristisch-politischen Ebene behandelt das Buch auch geheimdienstliche Aspekte, militärische Spezialeinheiten sowie internationale Verflechtungen. Diese Elemente verleihen dem Werk eine investigative, teilweise thrillerartige Struktur, die jedoch stark auf der Interpretation des Autors beruht und weniger auf einer neutralen, quellenkritisch ausgewogenen Einordnung.
Insgesamt handelt es sich beim zweiten Band der Triologie «Südtirol – Opfer geheimer Parteipolitik. Wie sich die österreichische Politik ein unliebsames Problem vom Hals schaffte» um ein umfangreiches, detailreiches und klar positioniertes Werk, das sich deutlich als Gegendarstellung zur offiziellen Historiografie versteht. Während Golowitschs Buch durch seine Materialfülle und die systematische Aufarbeitung vieler Einzelaspekte beeindruckt, ist es zugleich stark perspektivisch geprägt und sollte daher mit ergänzender geschichtlicher Fachliteratur gelesen werden. Für Leser, die sich intensiv mit der Südtirolfrage und ihren politischen und juristischen Kontroversen auseinandersetzen möchten, bietet das hier zu besprechende Buch zahlreiche Anregungen, erfordert jedoch eine kritische Einordnung der dargestellten Thesen.
Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

