Mit seinem umfangreichen Werk «Südtirol – Opfer für das westliche Bündnis. Wie sich die österreichische Politik ein unliebsames Problem vom Hals schaffte»legt Helmut Golowitsch eine ausgesprochen streitbare Interpretation der österreichischen Südtirolpolitik nach 1945 vor. Bereits der sehr programmatische Titel des hier zu besprechenden Buches macht deutlich, dass der Autor die Auffassung vertritt, Österreich habe die Interessen Südtirols bewusst den Erfordernissen des westlichen Bündnisses und insbesondere den Beziehungen zu Italien geopfert. Damit positioniert sich die Publikation gegen die traditionelle Darstellung der österreichischen Nachkriegspolitik.
Das Werk umfasst mehr als 600 Seiten und ist chronologisch aufgebaut. Beginnend mit den Verhandlungen um den Pariser Vertrag von 1946 verfolgt Golowitsch die Entwicklung der Südtirolfrage bis zu den geheimen österreichisch-italienischen Sicherheitskontakten der 1960er-Jahre. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die politischen Netzwerke zwischen der österreichischen Volkspartei und der italienischen Democrazia Cristiana, deren Zusammenarbeit nach Ansicht des Verfassers maßgeblich zur politischen Marginalisierung der Südtirolfrage beigetragen habe. Dem Inhaltsverzeichnis zufolge widmet sich das Buch ausführlich den Beziehungen führender Politiker wie Leopold Figl, Julius Raab, Josef Klaus, Karl Gruber und Rudolf Moser zu italienischen Regierungsvertretern sowie den Auswirkungen des Kalten Krieges auf die österreichische Außenpolitik. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf geheimen diplomatischen Kontakten, der Rolle des Vatikans sowie der Zusammenarbeit österreichischer und italienischer Sicherheitsbehörden.
Beeindruckend ist zunächst die Materialfülle. Das Werk verfügt über ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Personenregister sowie zahlreiche Abbildungen. Die Gliederung zeigt, dass der Autor eine große Zahl diplomatischer Akten, politischer Korrespondenzen und zeitgenössischer Presseberichte verarbeitet hat. Dadurch entsteht ein dichtes Bild der politischen Entscheidungsprozesse und ihrer internationalen Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig ist die Darstellung erkennbar von einer klaren These geleitet. Zahlreiche Kapitelüberschriften verwenden wertende Begriffe wie „Kapitulation“, „betrügerisches Autonomiestatut“, „Täuschung“, „Geheimdiplomatie“, „schmutzige Angelegenheiten“ oder „rechtswidrige Rechtshilfe“. Bereits diese Terminologie verdeutlicht, dass Golowitsch nicht primär eine distanzierte Rekonstruktion historischer Entwicklungen anstrebt, sondern eine politische Neubewertung der österreichischen Südtirolpolitik vorlegt. Dies verleiht dem Werk eine hohe Lesbarkeit und argumentative Geschlossenheit, obwohl jedoch zugleich die Frage aufgeworfen wird, ob alternative Interpretationen und die komplizierten außenpolitischen Zwänge der Nachkriegszeit in gleichem Maße berücksichtigt werden.
Besonders hervorzuheben ist der Versuch, die Südtirolfrage konsequent in den größeren Zusammenhang des Kalten Krieges einzubetten. Golowitsch argumentiert, dass strategische Interessen der NATO-Staaten, die Stabilisierung Italiens als westlicher Bündnispartner sowie die antikommunistische Ausrichtung der christdemokratischen Parteien letztlich wichtiger gewesen seien als die konsequente Durchsetzung österreichischer Ansprüche auf internationaler Ebene. Diese Perspektive erweitert den Blick über die regionale Geschichte hinaus und verbindet Südtirol mit den internationalen Machtkonstellationen der Nachkriegszeit.
Gerade diese Interpretation ist jedoch in der historischen Forschung nicht unumstritten. Die etablierte Südtirol-Geschichtsschreibung betont häufig stärker die begrenzten außenpolitischen Handlungsspielräume Österreichs, die Bedeutung des Staatsvertrags des Jahres 1955 sowie die langfristigen diplomatischen Bemühungen, die schließlich zum sogenannten Südtirol-Paket führten. Golowitsch setzt dem eine deutlich kritischere Deutung entgegen und interpretiert zahlreiche politische Entscheidungen als bewusste Preisgabe Südtirols zugunsten außenpolitischer Interessen. Auf diese Weise fordert das Werk ausdrücklich zur wissenschaftlichen Diskussion heraus.
Insgesamt stellt «Südtirol – Opfer für das westliche Bündnis» einen wegweisenden Beitrag zur Debatte über die österreichische Südtirolpolitik dar. Das Buch überzeugt durch seinen Umfang, die intensive Quellenarbeit und die konsequente Einbettung der Südtirolfrage in den internationalen Kontext des Kalten Krieges. Parallel dazu verlangt Golowitschs wertende Argumentation eine kritische Lektüre sowie den Vergleich mit anderen Darstellungen der Südtirolgeschichte. Für Historiker, Heimatkundler sowie für alle, die sich mit der Geschichte Südtirols, der österreichischen Außenpolitik oder den Auswirkungen des Kalten Krieges beschäftigen, bietet das hier zu besprechende Buch zahlreiche Anregungen und dürfte auch künftig ein zentraler Bezugspunkt der historiografischen Diskussion bleiben.
Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

