Mit «An der Seite des Volkes» legt der Autor Helmut Golowitsch eine umfangreiche und detaillierte Studie über die Geschichte der Südtiroler Geistlichkeit während der faschistischen Herrschaft vor. Auf über 450 Seiten skizziert der gewissenhaft arbeitende Verfasser die planmäßige Unterdrückung der deutschen und ladinischen Bevölkerung Südtirols in den Jahren zwischen 1918 und 1939 nach und stellt insbesondere den Widerstand katholischer Priester gegen die Italianisierungspolitik des italienischen Staates in den Mittelpunkt
Im Zentrum der Darstellung stehen die Angriffe des Faschismus auf Schule, Kirche und Muttersprache. Ausführlich dokumentiert Golowitsch die Abschaffung des deutschsprachigen Unterrichts, die Verfolgung der Katakombenschulen, die Entfernung deutschsprachiger Geistlicher aus ihren Pfarreien sowie den Kampf um den Religionsunterricht in deutscher Sprache. Die Beschreibung zahlreicher Einzelfälle verleihen der Darstellung einen anschaulichen Charakter und verdeutlichen die Repressionen, denen Priester, Ordensgemeinschaften und engagierte Laien ausgesetzt waren.
Ein besonderer Schwerpunkt des Autors liegt auf der Rolle der Kirche als Trägerin kultureller Identität. Nach Golowitschs Darstellung waren viele Priester weit mehr als Seelsorger: Sie wirkten als Lehrer, Organisatoren des geheimen Deutschunterrichts und Verteidiger der sprachlichen und religiösen Rechte der Bevölkerung. Überdies verschweigt der Autor innerkirchliche Spannungen nicht und beschreibt kritisch die zurückhaltende Haltung des Trienter Fürstbischofs Celestino Endrici sowie die schwerfälligen Beziehungen zwischen Ortskirche, Vatikan und italienischem Staat.
Das Werk beeindruckt durch seinen großen Quellenreichtum. Behördenakten, Polizeiberichte, kirchliche Dokumente und Artikel der zeitgenössischen Presse werden umfangreich ausgewertet und häufig wörtlich zitiert. Auf diese Weise entsteht eine dichte Dokumentation der faschistischen Verfolgungspolitik, die das hier zu rezensierende Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk macht.
Allerdings verfolgt der Autor eine wertende Sichtweise. Titel, Vorworte und Kapitelüberschriften machen deutlich, dass das Werk keinesfalls nur geschichtliche Ereignisse rekonstruiert, sondern auch als Würdigung des Widerstands der Südtiroler Geistlichkeit verstanden werden möchte. Diese klare Positionierung verleiht dem Buch eine moralische Überzeugungskraft. Das kann dessen ungeachtet dazu führen, dass komplizierte historische Zusammenhänge oder verschiedene Handlungsspielräume einzelner Akteure weniger differenziert erscheinen. Für eine wissenschaftliche Einordnung empfiehlt sich demzufolge die ergänzende Lektüre weiterer Forschungsliteratur.
Alles in allem bietet «An der Seite des Volkes» eine beindruckende und detailreiche Dokumentation der faschistischen Unterdrückungspolitik in Südtirol und des kirchlichen Widerstands dagegen. Das Buch ist insbesondere für Historiker, Studierende sowie alle an der Geschichte Südtirols, der Kirche und des Faschismus Interessierten von großem Wert. Seine Stärke liegt in der umfassenden Quellensammlung und der sorgfältigen Rekonstruktion zahlreicher Einzelschicksale; seine Schwäche besteht in einer teils stark engagierten Perspektive, die eine kritische Einordnung durch die Leserschaft erfordert. Nichtsdestotrotz stellt Golowitschs Werk einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung der Geschichte Südtirols in der Zwischenkriegszeit dar.
Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

