Giuseppina Negrelli, getauft als Gioseffa Franca Elisabetta Giovanna Negrelli, wurde 1790 in Fiera di Primiero geboren und starb 1842 in Mezzano. Die Welschtirolerin gilt als eine der bemerkenswertesten Frauen des Tiroler Volksaufstandes von 1809. Ihr Leben zeigt eindrucksvoll, wie eng persönlicher Mut, familiäre Prägung und die politischen Umbrüche der napoleonischen Zeit miteinander verwoben waren. Zugleich lädt ihre Geschichte dazu ein, historische Überlieferungen mit Empathie und wissenschaftlicher Sorgfalt zu betrachten.
Die wichtigste Quelle zu Giuseppinas Leben ist die umfangreiche Autobiografie ihres Vaters Angelo Michele Negrelli, die zwischen 1844 und 1851 entstand. Historikerinnen und Historiker weisen jedoch darauf hin, dass diese Erinnerungen viele Jahre nach den Ereignissen niedergeschrieben wurden und daher sowohl wertvolle Informationen als auch subjektive Deutungen enthalten. Angelo Michele Negrelli war ein wohlhabender Holzhändler im Primiero. Obwohl ihm eine formale Schulbildung weitgehend fehlte, war er ein gebildeter und politisch interessierter Mann. Die Ideen der Französischen Revolution betrachtete er kritisch und entwickelte eine ausgeprägte Loyalität gegenüber der Habsburgermonarchie. Diese Überzeugungen prägten auch das familiäre Umfeld, in dem Giuseppina aufwuchs.
Sie war das zweite von elf Kindern, von denen zehn das Erwachsenenalter erreichten. Besonders bekannt wurde ihr jüngerer Bruder Alois Negrelli von Moldelbe, der später als bedeutender Eisenbahningenieur internationale Berühmtheit erlangte und maßgeblich an den Planungen des Suezkanals beteiligt war. Bereits früh zeigte Giuseppina einen eigenständigen Charakter. Ein Aufenthalt bei ihrer Schwester in Venedig sowie zwei Jahre in einem Kloster in Bassano sollten ihre Ausbildung fördern. Nach den Erinnerungen ihres Vaters verspürte sie jedoch keinerlei Berufung zum Klosterleben – ein Hinweis auf ihre unabhängige Persönlichkeit.
Als 1809 der Tiroler Volksaufstand gegen die bayerisch-französische Herrschaft ausbrach, befand sich auch das Primiero in einer politisch unsicheren Lage. Das Tal gehörte historisch zu Tirol und war eng mit der Habsburgermonarchie verbunden. Auf Anregung ihres Patenonkels, Graf Giuseppe von Welsperg, entschloss sich Giuseppina, an der Verteidigung ihrer Heimat teilzunehmen. Obwohl ihr Vater zunächst Bedenken hatte, stimmte er schließlich zu Um als Soldatin dienen zu können, schnitt sie ihre Haare kurz, legte eine Uniform an und trat unter dem Namen „Giuseppe“ der Territorialmiliz bei. Dieser Schritt war für eine Frau ihrer Zeit außergewöhnlich und erforderte erheblichen persönlichen Mut. Er verdeutlicht zugleich, wie gesellschaftliche Geschlechterrollen in Zeiten existenzieller Krisen zeitweise durchbrochen werden konnten.
Giuseppina wurde an der Grenze zu Venetien stationiert, wo man einen französisch-bayerischen Vorstoß erwartete. Tatsächlich kam es dort nur zu kleineren Aufklärungsaktionen. Einer Überlieferung ihres Vaters zufolge hielt sie einen als Zivilisten getarnten französischen Hauptmann an der Grenze auf und zwang ihn zur Umkehr. Dieses Ereignis verbreitete sich rasch und begründete ihren Ruf als mutige Verteidigerin des Primiero. Auch an kleineren Vorstößen der Freiwilligen nach Venetien dürfte sie beteiligt gewesen sein. Zeitgenössische Berichte erwähnen das Gerücht, dass sich unter den als „Briganten“ bezeichneten Kämpfern auch Frauen befanden – ein bemerkenswertes Zeugnis dafür, dass ihre Teilnahme bereits damals Aufmerksamkeit erregte. Mit dem Frieden von Schönbrunn im Oktober 1809, in dem Kaiser Franz I. Tirol an Napoleon abtrat, endete der Volksaufstand. Auch Giuseppinas militärischer Einsatz war damit beendet.
Nach den Kriegsereignissen unterstützte sie ihren Vater bei dessen Handelsgeschäften und begleitete ihn auf Reisen. Für ihren Einsatz erhielt sie im November 1814 in Innsbruck zwei Goldene Tapferkeitsmedaillen – eine außergewöhnliche Auszeichnung, die ihre Verdienste offiziell anerkannte. Mit dieser Ehrung zog sie sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück. Gut zwei Jahre schloss Giuseppina gegen den ausdrücklichen Willen ihres Vaters mit dem Kaufmann Antonio Luigi Zorzi aus Mezzano den Bund der Ehe; dieser gingen acht Kinder hervor – eine Tochter und sieben Söhne.
Die Erinnerungen ihres Vaters schildern ihre Ehe als wenig glücklich. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist jedoch Vorsicht geboten: Diese Einschätzung stammt ausschließlich aus seiner Perspektive und lässt sich nicht unabhängig bestätigen. Dennoch lässt sich nachvollziehen, dass Giuseppinas späteres Leben von den Herausforderungen geprägt war, denen Frauen des frühen 19. Jahrhunderts häufig begegneten – Schwangerschaften, Kindererziehung, familiäre Verantwortung und gesundheitliche Belastungen. Nach langer Krankheit starb sie im Alter von 52 Jahren im Jahr 1842, nur zehn Monate nach ihrem Ehemann. Sie wurde in Mezzano beigesetzt. Bemerkenswert ist, dass ihr Nachruf ihre militärischen Verdienste von 1809 mit keinem Wort erwähnte. Dies verdeutlicht, wie schnell außergewöhnliche weibliche Lebensleistungen im kollektiven Gedächtnis in Vergessenheit geraten konnten.
Die heutige Forschung betrachtet Giuseppina Negrelli differenziert. Lange Zeit wurde sie vor allem als patriotische Heldin dargestellt, vergleichbar mit Katharina Lanz, dem „Heldenmädchen von Spinges“. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass ihr Heimatverständnis vermutlich wesentlich lokaler geprägt warIm Mittelpunkt ihrer Loyalität standen zunächst ihre Familie, ihr Dorf Mezzano und das Primiero. Erst danach folgten Tirol als historische Region und schließlich die dynastische Treue zum Haus Habsburg. Dieses Verständnis entspricht dem politischen Denken vieler Menschen des frühen 19. Jahrhunderts, deren Identität noch stärker regional als national geprägt war. Ebenso wird heute betont, dass zahlreiche Erzählungen über Giuseppina erst Jahrzehnte nach den Ereignissen entstanden. Manche Episoden lassen sich historisch gut einordnen, andere besitzen eher den Charakter einer später entstandenen Erinnerungskultur. Wissenschaftlich ist deshalb zwischen gesicherten Fakten und überlieferten Traditionen zu unterscheiden.
Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts rückte Giuseppina Negrelli erneut in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Im Jahr 2000 wurde die Schützenkompanie des Primiero nach ihr benannt, außerdem erinnern mehrere Gedenktafeln an ihrem Geburtsort an ihr Leben. Heute steht Giuseppina Negrelli nicht nur für Tapferkeit, sondern auch für die Sichtbarkeit von Frauen in der Geschichte. Ihr Lebensweg erinnert daran, dass Frauen selbst in kriegerischen Zeiten Verantwortung übernahmen und gesellschaftliche Grenzen überschreiten konnten – auch wenn ihre Leistungen später häufig in den Hintergrund traten. Gerade deshalb verdient sie einen Platz in der europäischen Erinnerungskultur und Tiroler Historiografie: nicht als unfehlbare Heldin, sondern als mutige Frau ihrer Zeit, deren Geschichte zwischen historischer Realität, familiärer Erinnerung und späterer Legendenbildung steht. Diese differenzierte Betrachtung würdigt sowohl ihre Menschlichkeit als auch ihren außergewöhnlichen Beitrag zur Geschichte des Primiero und Tirols.
Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

