Ein Gedanke, der mich in letzter Zeit beschäftigt: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Tirol geteilt – weder entlang einer Sprachgrenze noch nach einer historisch gewachsenen Trennlinie, sondern nach den militärstrategischen Interessen der Siegermächte des Ersten Weltkriegs
Südtirol, mehrheitlich deutsch- und ladinischsprachig fiel an Italien. Die neu entstandene Grenze wird bis heute vielfach als „Unrechtsgrenze“ bezeichnet – eine Linie, die einer gewachsenen Gemeinschaft ihre gewachsene Einheit genommen hat, ohne dass die Betroffenen Mitspracherecht hatten. Die historische Kritik an dieser Teilung Tirols ist aus meiner Sicht keineswegs unbegründet.
Doch stellt sich die Frage: Ist diese Perspektive heute noch der zeitgemäß und was hat sich seit der Teilung verändert?
Südtirol verfügt mittlerweile über ein Autonomiestatut, Durch das Schengen-Abkommen und die EU-Mitgliedschaft Österreichs und Italiens ist die Grenze am Brenner physisch weitgehend verschwunden. Man fährt heute unbehelligt von Innsbruck nach Bozen.
Mit der Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino (Euregio) wurde zudem grenzüberschreitende Zusammenarbeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen ins Leben gerufen. Ganze Generationen sind beiderseits des Brenners mit dem geteilten Tirol herangewachsen und für viele spielt die Staatsgrenze im Alltag praktisch keine Rolle mehr. Der wirtschaftliche, soziale und kulturelle Austausch ist heute oft enger als in den Jahrzehnten zuvor. Im Schützenwesen wird beispielsweise die darüber angedacht, dass zukünftig auch Schützen nördlich des Brenners in Südtirol mit ihren Waffen ausrücken dürfen.
Was bleibt nun also von der „Unrechtsgrenze“?
Die emotionale und historische Dimension der Teilung ist keineswegs ausgelöscht. Für viele Tiroler nördlich und südlich des Brenners bleibt das Bewusstsein einer gemeinsamen Identität bestehen – einer Landeseinheit im Kopf und im Herzen. Dies spiegelt sich in Debatten um Themen um die Doppelstaatsbürgerschaft ebenso wider wie in gelebten Traditionen. Insbesondere in Südtirol nehmen die Schützen regelmäßig politisch Stellung. Auch im italienischsprachigen Trentino wächst das Bewusstsein für die historischen Wurzeln: Schützenkompanien werden neu gegründet und die Tiroler Identität wird wieder aktiver gepflegt, etwa durch das Herz-Jesu-Feuer. Trachten und Bräuche bieten hierbei ein Fundament der eigenen Identität. In Zeiten der pluralistischen Gesellschaft und der medialen Reizüberflutung suchen viele Menschen wieder nach Halt und Vertrautem.
Daher wird die Teilung Tirols auch zukünftig ein Diskussionsthema bleiben. Auch der Gedanke an eine friedliche Wiedervereinigung, in welcher Form auch immer, muss in einem demokratischen Diskurs möglich und legitim sein.
Martin Steinlechner

