Das hier zu besprechende Buch «Südtirol und das Vaterland Österreich» gehört zu den wichtigsten politischen und völkerrechtlichen Darstellungen der Südtirolfrage aus österreichischer Perspektive. Der angesehene und allzu früh verstorbene Völkerrechtler Felix Ermacora (1923–1995) verbindet historische Darstellung, juristische Analyse und politische Reflexion zu einer umfassenden Untersuchung der Entwicklung Südtirols von der Annexion durch Italien nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Autonomie der 1980er-Jahre.
Bereits die aussagekräftige und detaillierte Gliederung veranschaulicht den weitgespannten Anspruch des Werkes. Der erste Abschnitt zeichnet den Weg eines „Volkes ohne Selbstbestimmung“ nach und behandelt die Zeit von der Eingliederung Südtirols in den fremdnationalen Staat Italien über die Nachkriegsordnung bis zu den Auseinandersetzungen um das sogenannte Südtirol-Paket. Ermacora legt dabei besonderen Wert auf den Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker, den er als Leitmotiv seiner gesamten Argumentation versteht. Die historischen Ereignisse werden keineswegs lediglich chronologisch dargestellt, sondern stets im Lichte des internationalen Rechts und der Verantwortung Europas interpretiert.
Der zweite Teil widmet sich der Entstehung und Umsetzung der neuen Autonomie. Hier zeigt der Autor ausführlich, wie das Paket von 1969 und dessen schrittweise Verwirklichung die politischen, sprachlichen und kulturellen Verhältnisse in Südtirol nachhaltig veränderten. Besonders hervorzuheben ist seine differenzierte Analyse der Autonomie als Instrument des Volksgruppenausgleichs. Ermacora erkennt deren große Bedeutung für den Minderheitenschutz an, verschweigt jedoch nicht ihre Grenzen und die weiterhin bestehenden Spannungsfelder.
Im dritten Teil erweitert sich der Blick auf die Zukunft Südtirols im europäischen Kontext. Fragen nach der Rolle Österreichs als Schutzmacht, der europäischen Integration sowie nach Identität und Selbstbestimmung werden in grundsätzlicher Weise diskutiert. Die Porträts bedeutender Persönlichkeiten wie Julius Perathoner, Eduard Reut-Nicolussi, Michael Gamper oder Karl Tinzl verleihen dem Werk eine biografische Dimension und würdigen jene Persönlichkeiten, die das politische und kulturelle Selbstverständnis Südtirols geprägt haben.
Besonders wertvoll ist schließlich der umfangreiche vierte Teil mit Quellen, Dokumenten, Literaturhinweisen und vertiefenden Kommentaren. Er macht das Buch weit über eine politische Monographie hinaus zu einem wissenschaftlichen Nachschlagewerk und eröffnet dem Leser die Möglichkeit, zentrale Streitfragen anhand der Originalquellen nachzuvollziehen.
Ermacoras Darstellung ist von einer klar erkennbaren Grundhaltung geprägt. Er argumentiert aus der Perspektive eines engagierten Verfechters des Selbstbestimmungsrechts und der Schutzfunktion Österreichs gegenüber Südtirol. Diese Haltung verleiht dem Werk eine große Überzeugungskraft, verlangt zugleich jedoch vom Leser die Bereitschaft, die Argumentation im geschichtlichen und politischen Kontext ihrer Entstehungszeit zu betrachten. Gerade dadurch besitzt das Buch bis heute einen hohen dokumentarischen Wert: Es vermittelt nicht nur Fakten, sondern spiegelt auch die rechtlichen und politischen Debatten wider, welche die Südtirolfrage in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmten.
Auch mehr als 40 Jahre nach seinem Erscheinen bleibt «Südtirol und das Vaterland Österreich» ein grundlegendes Werk für alle, die sich mit der Geschichte Südtirols, dem internationalen Minderheitenschutz oder den Beziehungen zwischen Österreich und Italien beschäftigen. Es verbindet wissenschaftliche Präzision mit politischem Engagement und leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis einer der bedeutendsten europäischen Minderheitenfragen des 20. Jahrhunderts, auch wenn sie noch nicht gelöst ist.
Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

