Blicken wir kurz auf die Nachkriegswirren im Jahre 1918. Nach dem unglücklichen Ausgang des Ersten Weltkriegs besetzten die Italiener kampflos Tirol südlich des Brenners. Als am 4. November jenes Jahres gegen Mitternacht italienische Soldaten in Meran eingerückt waren, herrschte überall Bestürzung: Geschäfte, Banken und Gaststätten blieben geschlossen; jeglicher Bahn- und Postbetrieb, selbst mit Bozen, geriet ins Stocken.
Postalische Verbindung mit dem Vinschgau stockt
Die postalische Verbindung mit Bozen wurde rasch wiederhergestellt, nicht aber jene mit dem Vinschgau. Die Meraner Zeitung vom 19.11.1918 notiert:
„Nach Vinschgau verkehrt wieder keine Post. Wir wissen also nicht, wie wir unseren Abnehmern dort die so sehnlichst erwartete ‚Mer. Zeitung‘ senden können. […] Wir übergeben die Beantwortung dieser Frage der Öffentlichkeit. Vielleicht lassen sich Wege finden, den begreiflichen Wunsch der Bevölkerung auch von Amts wegen zu erfüllen. Wir senden unser Blatt täglich ab, doch scheint es eben mangels an Beförderungsmöglichkeit liegen zu bleiben.“

Unterbindung des Postverkehrs stößt auf Unmut
Die Unterbindung des Postverkehrs rief steigende Sorge, besonders in der Wirtschaft Merans und im Vinschgau, hervor. In der Meraner Magistratssitzung vom 14. November 1918 gelangte eine Eingabe von kaufmännischer Seite zur Verlegung, in der die Stadtgemeinde
oder das Handelsgremium zur Beseitigung dieses Zustandes durch den Aufbau eines Aushilfspostdienstes aufgefordert wurden. In diesem Ansuchen wurde unter anderem die Einführung von „Kontrollmarken“ als Merkmal für die betreffenden Beförderungen (zur Bekämpfung von Briefschmuggel) beantragt. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Auf Verlangen einiger Ausschussmitglieder nahm ein Kollegium mit dem
Gremialvorstand, Herrn F. W. Ellmenreich sen. an der Spitze, die Sache in die Hand und legte bereits einige Tage später, nachdem die Stadtgemeinde auf den Vorschlag nicht weiter eingegangen war, dem zuständigen italienischen Befehlskommando ein Gesuch vor.

Zivilgouverneur sagt Hilfe zu
Mit löblicher Geschwindigkeit erfolgte die Erledigung. Schon am nächsten Vormittag stellte Zivilgouverneur Gilli den bejahenden Bescheid mit. So wurden die Poststücke mit einem verlässlichen Boten mit der Vinschger Bahn nach dem 15 Kilometer von Meran entfernten Naturns, später nach dem noch näheren, an der Forster Trambahn gelegenen Postamt Algund gebracht und diesem zur weiteren Amtshandlung übergeben. Die Poststücke mussten auch mit Staatspostmarken freigemacht werden, doch bald gingen den Verlegern die Zeitungsmarken aus. Die italienischen Freimarken zu 2 Centesimi waren nicht in ausreichender Zahl eingetroffen. Daher finden wir auch Zeitungsschleifen
nur mit Gremialmarken unter Barverrechnung des Staatsportos. Die Einführung eigener Wertzeichen seitens der Körperschaft für die festgesetzten Portosätze (2 Heller für Drucksachen, 5 Heller für Postkarten, 10 Heller für Briefe) erwies sich als erforderlich, um die damit versehenen Poststücke den italienischen Dienststellen gegenüber zu legitimieren. Die Postämter waren zu jener Zeit neben dem bisherigen
Postpersonal ja bereits mit italienischen Aufsichtsorganen besetzt. Der alleinige Aufdruck des Gremialsiegels hätte keine Begutachtung über Zahl und Art der Poststücke ermöglicht; auch wäre das Öffnen der nach Ortschaften zusammengeschnürten Zeitungspakete und das einzelne Entwerten jeder Schleife, ja auch schon das bloße Kontrollieren derselben, eine zeitraubende Arbeit gewesen, indes die Beklebung mit Gremialmarken gleichzeitig mit den Zeitungsmarken seitens der Verleger ohne viel Zeitverlust bewältigt werden konnte.

Gremialmarken in der Gremialkanzlei erhältlich
Für die Briefbotschaften waren diese Marken daher bequem, da jedermann mittels der
in der Gremialkanzlei während der Amtsstunden erhältlichen Gremialmarken seine Poststücke zu beliebiger Zeit auch außerhalb der Amtsstunden, in die dort angebrachten Briefkasten legen konnte. Bereits am 25.November 1918 ging die erste Zeitungspost in den Vinschgau. Es wurden auch die vielen, im Meraner Postamt aus der letzten Zeit lagernden und von dort wegen der Postsperre nicht weiterbeförderten Zeitungen abgeholt, markiert und mitbefördert.

Post in den Vinschgau wieder möglich
Doch blicken wir in die Meraner Zeitung vom 27.11.1918, S. 2:
„Gremial-Hilfspost nach Vinschgau. Das Kgl. italienische Kommando hat dem hiesigen Gremium bis auf weiteres gestattet, Geschäftskorrespondenzen sowie die hiesigen Zeitungen in den Vinschgau zu befördern. Derartige Korrespondenzen sind in
der Gremialkanzlei abzugeben, und es wird zur Deckung der Unkosten ein Aufschlag von 5-10 Heller in Gremialmarken erhoben. Die Briefe sind außerdem wie gewöhnlich zu frankieren, da die Zustellung durch die dortigen Postämter erfolgt.
Was den Gebrauch der Gremial-Briefpost seitens des Publikums (auch Privatbriefe wurden angenommen), betrifft, so war man über die sehr geringe Inanspruchnahme überrascht, nachdem man einem dringenden Wunsche entgegengekommen zu sein glaubte. Kaum einige Hundert Briefe und Karten (einschließlich „philatelistischer“) wurden in der sehr kurzen Zeit des Bestehens (kaum acht Tage) aufgegeben. Interessante Fakten zu den Hilfspostausgaben Doch was ist noch über die Meraner Hilfspostmarken in Erfahrung zu bringen? Herr Pleticha, ein Drucker in Meran, begann nach der Bewilligung des Begehrens der Meraner Kaufmannschaft schnell mit dem Druck der Marken zu 2 Heller, die ja für den Versand der Zeitungen benötigt wurden. Die Auflage betrug laut Senfs Illustriertem Briefmarken-Journal „nahe 4.000“, in einer handschriftlichen Berichtigung annähernd 5.000 Stück. Die Marke wurde ganz einfach hergestellt. Im Feld sieht man die Wertziffer 2, unten die Jahreszahl 1918, oben den Schriftzug „Hilfspost“, rechts den Schriftzug „des Handelsgrem.“, links „d. Kurbez. Meran“. Also kann man dieses etwas eigensinnige Postwertzeichen als ein reines Zweckerzeugnis betrachten, das in Schwarz auf rotem, gummiertem Papier gedruckt wurde.

Verleger kleben Marken auf Zeitungsschleifen
Da die erste Zeitungspost am 25. November 1918 in den Vinschgau versendet wurden, kamen die Marken in die Hände der Herausgeber des Burggräflers und der Meraner Zeitung. Sie klebten die Hilfspostmarken zusammen mit den staatlichen Marken auf die Schleifen, die mit der vorgedruckten Anschrift des Beziehers versehen waren, und diese dann nachfolgend auf die einzelnen Zeitungen.
Zweite Auflage wird gedruckt
Später druckte Herr Pleticha annähernd 400 Marken zu 5 Heller in Grün und genauso viele zu 10 Heller in Dunkelblau für die Karten und die Briefe, die aber kaum Anklang fanden. Am 28. November 1918 ging die erste Briefpost ab. Philatelisten meinen, dass diese bloß mit den Gremial-Ausgaben der ersten Ausgabe frankiert gewesen sei, weil die Marken der zweiten Ausgabe (Wappenmarken) noch nicht fertig gewesen sein sollen. Danach fertigte Herr Pleticha eine zweite Emission an, die im Format etwas größer war und im Mittelpunkt das mit der Mauerkrone gekrönte Meraner Stadtwappen zeigte (= Wappenmarken). Die Umschrift lautete „Hilfs-Post 1918/Grem. d. Kfmschft/2 Heller/ des Kurbez. Meran“.
Die Nennwerte betrugen 2 Heller (grün), 5 Heller (blau) und 10 Heller (rot). Diese zweite Ausgabe wurde nach Meinung des Autors auch nach ästhetisch-künstlerischen Gesichtspunkten gestaltet. Die zweite Auflage variierte je nach Nominalwert zwischen 2.500 und 3.500 Stück, einschließlich aller bekannten Farbvarianten. Erfahrungsgemäß hoffte man, dass sich die Nutzung der Wertstufen für Postkarten und Briefe verbessern würde, doch eine neue Anweisung seitens des römischen Postministeriums durchkreuzte sämtliche Ideen.
Die Ära der Meraner Hilfspostmarken geht zu Ende
Um den 6. Dezember 1918 herum erhielten die Postmeister die Verordnung, die Post erst nach Bozen zur Kontrolle zu schicken; zugleich war auch der staatliche Postbetrieb in den Vinschgau wieder aufgenommen worden. Nicht so jedoch für die Zeitungen. Da diese sowieso bereits einer scharfen Vorzensur unterzogen wurden, hätte die überflüssige, erneute Zensur in Bozen eine Hinausschiebung von drei bis fünf Tagen bedeutet. Die Verleger zogen es daher vor, die Zeitungen nach Vinschgau einstweilig noch zum Teil mit der Gremialpost befördern zu lassen.
Am 14. Dezember, also wenige Tage später, brachte die Meraner Zeitung die Meldung, dass von jetzt ab die Blätter von Meran aus direkt nach Vinschgau versendet werden könnten, wo die Gremial-Hilfspost keineswegs mehr nötig war und aufgelöst wurde. Demzufolge endete der Gebrauch der Hilfspostmarken spätestens am 14. Dezember 1918.
Interessant ist auch der Fakt, dass diese Marken im deutschen Michel-Katalog unter den österreichischen Lokalausgaben nach dem Ersten Weltkrieg aufscheinen, der italienische Sassone-Katalog sie unter den italienischen Ausgaben (emissioni locali) listet. Dem Anschein nach sind die kleinen Werte, die bei Auktionen beachtliche Preise erzielen, ein Synonym für das Gezanke zwischen Österreich und Italien, wenn es um Südtirol geht. Doch die Politik hat in der Philatelie nichts zu suchen.
Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

