Blick in die Geschichte: Heinrich von Schullern, der erste Obmann des Andreas-Hofer-Bundes für Tirol

Wenn man das Leben von Heinrich von Schullern (1865–1955) anschaut, kann man sagen, dass es wirklich ein Leben im Dienst Tirols und Österreichs war. Er gehört zu jenen Persönlichkeiten der Lokalgeschichte, deren Wirken weit über ihre berufliche Tätigkeit hinausreichte. Als Militärarzt, Schriftsteller und Kulturpolitiker verband er wissenschactliche Bildung, dichterisches Schaffen und eine tiefe Verbundenheit mit der historischen Einheit Tirols. Besondere Bedeutung erlangte er nach dem Ersten Weltkrieg als Gründer und erster Obmann des Andreas-Hofer-Bundes, der zu einer der wichtigsten Bewegungen gegen die Abtrennung Südtirols von Österreich wurde.

Der 1865 geborene Heinrich von Schullern entstammte einer alten Tiroler Adelsfamilie. Seine Familie war anfänglich im Zillertal beheimatet und wurde im Jahr 1734 durch Kaiser Karl VI. in den Ritterstand erhoben. Die geistige Atmosphäre seines Elternhauses prägte früh die Liebe zur Geschichte, zur Kultur und zur Heimat. Heinrich selbst verknüpfte in jungen Jahren seine naturwissenschaftliche Bildung mit einer literarischen Begabung und einem ausgeprägten historischen Bewusstsein zu einem einheitlichen Ganzen. Nach der Matura im Jahr 1884 studierte er an den Universitäten Innsbruck, Graz und München Medizin. Sechs Jahre später promovierte er zum Doktor der gesamten Heilkunde. Er arbeitete in Innsbruck und Salzburg und entschied sich für eine berufliche Laufbahn als Militärarzt, die ihn schließlich bis in hohe Positionen des k.k.-Sanitätsdienstes führte. Er war Regimentsarzt, Stabsarzt und auch Sanitätschef des Landwehrinfanterieregiments Nr. 24. Im Ersten Weltkrieg leitete er medizinische Dienste an der Ostfront, in Galizien und in den Karpaten. Er übernahm als Oberstabsarzt unterschiedliche verantwortungsvolle Aufgaben in der militärischen Gesundheitsversorgung.

Trotz seiner militärischer Verpflichtungen blieb Heinrich von Schullern immer ein Mann der Literatur und der Tiroler Geschichte. Seine Erfahrungen aus dem Krieg und dem Zusammenbruch der Monarchie verstärkten seine Sorge um die Zukunft seiner geliebten Heimat. Nach 1918 stand Tirol vor einer historischen Zerreißprobe. Durch den Friedensvertrag von St-Germain wurde im Jahr 1919 der südliche Landesteil von Österreich abgetrennt und Italien zugesprochen. Für viele Tiroler bedeutete diese Entscheidung eine schmerzhafte Verletzung der gewachsenen Einheit des Landes.

In dieser Situation wurde von Schullern zu einer der treibenden Kräfte des Widerstandes gegen die Teilung Tirols. Noch im Jahr 1919 gründete er den Andreas-Hofer-Bund und übernahm als erster Obmann dessen Führung. Der Bund versteht sich heute noch als überparteiliche Organisation, die sich für die Erhaltung der kulturellen, geistigen und historischen Verbindung zwischen Nord- und Südtirol einsetzt. Benannt wurde sie nach dem Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer; somi knüpfte sie bewusst an die Tradtition des Tiroler Freiheitskampfes von 1809 an.

Schullerns Anliegen war nicht allein politischer Natur. Er sah Tirol als gewachsene Kulturlandschaft, deren Menschen durch Geschichte, Sprache und gemeinsame Tradition verbunden waren. So bewahrt heute noch der Bund die Erinnerung an die gemeinsame Identität und die Verbundenheit mit den Landsleuten südlich des Brenners lebendig. Unter seiner Führung entwickelte sich die Organisation zu einer bedeutenden Stimme für die Anliegen der Südtiroler. Schullern setzte dabei auf kulturelle Arbeit, historische Aufklärung und öffentliche Bewusstseinsbildung. Sein Engagement war von einer tiefen österreichisch-tirolischen Gesinnung getragen.

Nach der Gründung des Andreas-Hofer-Bundes blieb Schullern eine unbequeme Stimme für jene, die sich für Österreichs Selbstständigkeit und die kulturelle Einheit Tirols einsetzten. Während der Zeit des Nationalsozialismus durfte der überzeugte Vertreter eines eigenständigen Österreichs öffentlich kaum gewürdigt werden. Seine Haltung unterschied sich deutlich von der damaligen politischen Linie. Trotz dieser Einschränkungen blieb sein Name in Tirol verbunden mit dem Einsatz für Heimat, Geschichte und kulturelle Identität.

Heinrich von Schullern starb 1955 in Innsbruck. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Innsbrucker Westfriedhof Sein bleibendes Vermächtnis liegt nicht nur in seinem literarischen Werk, sondern vor allem in seinem Wirken als Gründer und erster Obmann des Andreas-Hofer-Bundes. In einer Zeit großer politischer Umbrüche trat er für die Einheit der Tiroler Kultur und für die Verbindung zwischen Nord- und Südtirol ein.

Als Arzt, Dichter und Tiroler Patriot verkörperte Heinrich von Schullern jene Generation, die nach dem Zusammenbruch der Monarchie versuchte, die historischen und geistigen Grundlagen ihrer Heimat zu bewahren. Somit verneigen wir uns vor seiner Persönlichkeiten und versuchen sein Erbe nach bestem Wissen und Gewissen aufrechtzuerhalten.

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

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