Andreas Oberhofer, Der Andere Hofer. Der Mensch hinter dem Mythos (Schlern-Schriften 347), Innsbruck 2009

Andreas Oberhofers Biografie «Der andere Hofer. Der Mensch hinter dem Mythos» ist weit mehr als eine weitere Darstellung des Tiroler Freiheitskämpfers. Das Buch unternimmt den anspruchsvollen Versuch, Andreas Hofer aus der Erstarrung patriotischer Legenden zu lösen und ihn als historischen Menschen seiner Zeit sichtbar zu machen. Gerade darin liegt die besondere Stärke dieses umfangreichen und wissenschaftlich fundierten Werkes.

Schon der als programmatisch zu beschreibende Titel macht deutlich, worum es Oberhofer geht: nicht um den unfehlbaren Volkshelden, sondern um den Wirt, den Händler, den Familienvater, den tief religiösen Bauern und den politischen Akteur im Spannungsfeld einer Epoche gewaltiger Umbrüche. Mit großer Quellenkenntnis rekonstruiert der Autor die Herkunft, die soziale Stellung und die wirtschaftliche Tätigkeit der Familie Hofer und zeichnet zugleich ein mehr als spannendes und eindrucksvolles Panorama Tirols am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Besonders überzeugend ist die differenzierte Darstellung der Persönlichkeit Hofers. Oberhofer vermeidet sowohl eine nationale Verklärung als auch eine moderne Herablassung. Stattdessen entsteht das Bild eines Menschen, dessen Denken tief in den religiösen, sozialen und politischen Vorstellungen seiner Zeit verwurzelt war. Gerade die Kapitel über Hofers Alltag als Wirt und Händler, über familiäre Beziehungen und über die ökonomischen Bedingungen im Passeiertal verleihen der Figur eine seltene historische Lebendigkeit.

Die zu rezensierende Studie beeindruckt ferner durch ihre methodische Sorgfalt. Zahlreiche archivalische Quellen, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen sowie die kritische Auseinandersetzung mit früheren Hofer-Biografien machen das vorliegende Buch zu einem wichtigen Beitrag der Tiroler Landeshistoriografie. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs bleibt die Darstellung stets gut lesbar; sie besticht auch durch eine erzählerische Dichte.

Von besonderem Wert ist die Begabung des Autors, Mythos und Geschichte miteinander ins Gespräch zu bringen. Andreas Hofer erscheint weder als einfaches Denkmal noch als entzauberter Antiheld, sondern als widersprüchliche historische Persönlichkeit, deren Wirkung weit über ihre Zeit hinausreicht. Dadurch gewinnt auch die Geschichte des Tiroler Aufstands von 1809 neue Tiefe und historische Glaubwürdigkeit.

«Der andere Hofer» ist zusammenfassend eine würdevolle, kluge und hervorragend recherchierte Biografie, die dem Menschen hinter der Symbolfigur gerecht wird. Wer sich ernsthaft mit Andreas Hofer, Tiroler Geschichte oder der Entstehung politischer Mythen beschäftigen möchte, findet in diesem Werk ein Standardwerk von bleibendem Wert.

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

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